Unter Moschusochsen in Nordalaska

Alleinstehende Moschusochsenbullen sind mit Vorsicht zu genießenIch stehe am Straßenrand und suche mit meinem Fernglas die weite Tundralandschaft Nordalaskas ab. Ich befinde mich ganz im Norden Alaskas, im so genannten North Slope, der nördlichen Senke. Hier wächst kein Baum mehr, alles ist flach, eintönig. Dennoch lebt hier eines der faszinierendsten Tiere der Arktis: der Moschusochse. Die “Ochsen” ähneln dem Büffel oder Bison, sind aber doch mit Schafen und Ziegen verwand. In Alaska waren die Moschusochsen Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu ausgerottet. Erst in den 1930er Jahren wurden Tiere aus Grönland in Alaska wieder angesiedelt.

Heute tummeln sich mehrere tausend Tiere in der Weite Nordalaskas. Die Population hat sich also wieder stabilisiert. Leider macht den Tieren heute der Klimawandel stark zu schaffen. Sie haben mit den selben Problemen zu kämpfen, wie beispielsweise die Karibus. Immer öfter kommt es selbst im hohen Norden Alaskas im Winter zu Wärmeeinbrüchen. Es beginnt mitten im Februar zu tauen. Der lockere Schnee wird zu Wasser. Sinken die Temperaturen nach solch einem Wärmeeinbruch wieder ab, dann entsteht eine undurchdringliche Eisschicht.

Mutter mit Jungtier im MaiDiese Eisschicht kann für die Moschusochsen den Tod bedeuten, denn ihnen ist es jetzt unmöglich mit den Hufen durch den Schnee zu scharren, um an die für sie lebensnotwendigen Flechten und Moose zu gelangen. Die Moschusochsenpopulation Alaskas geht kontinuierlich zurück. Natürlich ist dieser Rückgang nicht nur mit dem Klimawandel zu erklären, es spielen viele andere Faktoren eine Rolle. So wurde in den letzten Jahren beobachtet, wie Grizzlys sich zu hoch spezialisierten Moschusochsenjägern entwickelt haben. Besonders die Jungtiere, die im Mai auf die Welt kommen, sind dann stark gefährdet.

Für mich sind die Moschusochsen, mit dem Eisbären, die Könige der Arktis. Sie verbringen genau wie der Eisbär, das ganz Jahr in der Arktis, müssen Temperaturen von bis zu – 50 Grad standhalten, müssen mehrere Wochen Dunkelheit erdulden. An all das sind diese wunderbaren Tiere perfekt angepasst. Gegen die Kälte schützt sie eine dickes, zotteliges Überfell, das bis zu 60 cm lang werden kann. Direkt auf der Haut liegt ein bis zu 5 cm dickes Unterfell aus feinster Wolle und darunter schützt sie nochmals eine bis zu 10 cm dicke Speckschicht gegen die Kälte.

Auch ihre Augen sind etwas ganz Besonderes. Die Pupillen sind besonders groß, die Netzhaut besonders empfindlich. Das ermöglicht den Tieren in den Phasen der Winterdunkelheit, auch die kleinste Lichtquelle zu nutzen. Im Frühling, wenn die Sonne hoch über der noch schneebedeckten Landschaft steht, dann können die Pupillen zu einem horizontalen Schlitz verengt oder gar ganz verschlossen werden, um Schneeblindheit vorzubeugen.

Ich habe Moschusochsen schon zu allen Jahreszeiten in Alaska fotografiert. Das schönste Erlebnis war jedoch meine Begegnung mit diesen Urtieren im Winter, im Februar bei – 35 Grad. Direkt am Straßenrand entdeckte ich einen allein stehenden Bullen. Diese Einzelgänger sind mit Vorsicht zu genießen. Mir ist es selbst schon passiert, dass mich ein solcher Bulle attackiert hat und ich mich nur mit einem großen Sprung in mein Mietauto “retten” konnte. Dieses mal bin ich vorsichtiger. Ich pirsche mich ganz langsam heran, Meter für Meter.

Moschusochsenbulle in der herbstlich verfaerbten TundraImmer wieder warte ich, mache mich ganz klein, lege mich dann auf den Bauch und fotografiere. Was für ein Anblick: Ein wunderbarer riesengroßer Bulle inmitten der Weite Nordalaskas. Ein paar Meter weiter entdecke ich die ganze Herde. Sobald die Tiere mich entdecken, formieren sie sich zu einem Schutzwall. Die stärksten Tiere stehen ganz vorne und nehmen die kleinen, schwachen in ihre Mitte. Ich stehe jetzt etwa 10 Meter vor der Herde und fühle mich versetzt in ein andere Welt. Das ist Wildnis, Abenteuer, Faszination….!

Es ist jedoch Zeit zurückzugehen, denn die Tiere stehen unter Stress. Ich bin in diesem Moment ein Eindringling und kein Foto der Welt ist es wert, die Tiere im harten alaskanischen Winter weiter zu stören. Ich stapfe zurück zum Auto. Überglücklich diese Tiere in ihren Lebensraum beobachtet zu haben. Eines muss man sich immer wieder im Kopf bewahren: Es ist ein riesengroßes Privileg, als Naturfotograf arbeiten zu können und all diese unglaublichen Momente erleben zu können.

 

Bernd Römmelt im Januar 2012